„Ich wollte keine Märchen erzählen, ich wollte kein Bett aus Rosen verkaufen. Ich wollte die Wahrheit darüber erzählen, wie das Leben von Frauen tatsächlich war.“ (María Luisa Bemberg)
Mit María Luisa Bemberg gilt es eine herausragende Regisseurin des Weltkinos wiederzuentdecken. Ihr zwischen 1981 und 1993 entstandenes Spielfilmwerk genießt in Argentinien bis heute große Wertschätzung und war, in Verbindung mit Bembergs selbstbewusster und aktivistischer Persönlichkeit, wegbereitend für nachfolgende Generationen von Regisseurinnen wie Lucrecia Martel, Albertina Carri, Lucía Puenzo und Laura Citarella. Auch international wurde nach dem Erfolg ihres dritten Spielfilms Camila (1984) – seinerzeit mit 2,4 Millionen Zuschauer*innen der bestbesuchte Film der argentinischen Filmgeschichte, Academy Award-nominiert, in zahlreichen Ländern im Kino verliehen – ihr Werk stark wahrgenommen, war jedoch in den letzten Jahren nur sporadisch sichtbar. Bembergs Filme schaffen es, explizit politisch konzipiert und gleichzeitig fesselnd, sinnlich und einfühlsam ihren vielgestaltigen Figuren gegenüber zu sein.
Sie wurde am 14. April 1922 in Buenos Aires in eine der wohlhabendsten und einflussreichsten Familien Argentiniens mit weitreichenden Verbindungen in Wirtschaft, aber auch Kultur, geboren. Den damaligen Normen entsprach es, den Mädchen keine formale Schuldbildung zukommen zu lassen. Sie hatte aber wohl das Talent, diesen Mangel durch ihre intellektuelle Neugier auszugleichen und eignete sich eine umfassende Bildung an. Mit 22 Jahren heiratete sie den Architekten Carlos Miguens und bekam 4 Kinder. In diesen Jahren wurde ihr immer deutlicher bewusst, dass es eine große innere Leere hinterließ, nur, so Leonor Calvera, „die Frau von …“ zu sein. Nach fast 10 Jahren wurde die Ehe geschieden. Bembergs künstlerische und politische Karriere nahm Fahrt auf.
Sie schloss sich dem Teatro Smart und in Folge dem Teatro Astral
an, bis sie schließlich gemeinsam mit Catalina Wolff das Teatro del Globo gründete. Die Arbeitserfahrungen im Theater in Schauspielführung und Inszenierung kamen ihr später bei ihrer Filmarbeit zugute. Ende der 1960er begann sie, Drehbücher zu schreiben, Crónica de una señora, 1971 von Raúl de la Torre verfilmt, und Triángulo de cuatro (Fernando Ayala, 1975). Unzufrieden mit der Umsetzung ihrer Bücher durch die Regisseure beschließt sie, sie künftig selbst zu realisieren. Es sollte 1981 werden, bis sie mit 58 Jahren ihr Regiedebüt vorlegte.
In der Zwischenzeit hatte sie sich für die Rechte der Frauen engagiert. Entsprechend ihren Überzeugungen ebnete sie in einer politisch schwierigen Zeit den Weg für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Situation der Frauen, indem sie zusammen mit anderen Aktivistinnen, unter anderem Leonor Calvera, die legendäre Unión Feminista Argentina (UFA) gründete und sich dort engagierte. Sie forcierte Kampagnen, durch die das Bewusstsein für die Beschränkungen, die Frauen durch traditionelle Rollenzuschreibungen erfahren, gestärkt werden sollte. In diesem Kontext entstanden zwei Kurzfilme, El mundo de la mujer (1972) und Juguetes (1978).
Nach einigen Monaten Studium bei Lee Strasberg am Actor’s Studio realisierte sie ihren ersten Spielfilm, Momentos (1981). Diesen sowie die folgenden vier Filme produzierte Lita Stantic als zentrale Mitstreiterin und ebenfalls Pionierin des feministischen Filmschaffens in Argentinien. 1988 waren beide auch Mitgründerinnen des bis heute in Buenos Aires bestehenden Filmfestivals La Mujer y el Cine.
Leonor Calvera schreibt in einem biografischen Text: „In den folgenden Filmen verallgemeinert Bemberg das Streben ihrer Protagonistinnen nach Autonomie und zeigt sie in der Auseinandersetzung mit den herrschenden Mächten, Familie, Staat, Kirche. In Señora de nadie (1982), in der tragischen Liebesgeschichte von Camila O’Gorman mit dem Preister Ladislao Gutiérrez während der Rosas-Ära, Camila (1984), in der Gefühllosigkeit des Landadels der 1930er und 1940er Jahre, Miss Mary (1986), steht die ungezähmte Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft im Mittelpunkt.“ 1990 entschied sie sich, die Geschichte der mexikanischen Nonne Inés de la Cruz nach dem Essay von Octavio Paz zu verfilmen, nach Bembergs Worten der „ersten Feministin des amerikanischen Kontinents“, Yo, la peor de todas. 1993 folgte ihr letzter Spielfilm De eso no se habla. Ein weiteres Drehbuch konnte sie nicht mehr selbst verfilmen, sie starb 1995 mit 73 Jahren (auf ihren Wunsch hin realisierte ihr langjähriger Regieassistent Alejandro Maci es unter dem Titel El impostor im Jahr 1997).
Die Reihe wird kuratiert und organisiert von Karola Gramann, Heide Schlüpmann und Gary Vanisian (Filmkollektiv Frankfurt).
María Luisa Bembergs sechs eigene Spielfilme sind nun erstmals überhaupt zusammenhängend in einer Werkschau in Europa zu sehen und vermutlich zugleich letztmals in 35mm-Filmkopien. Mit Dank für die Leihgabe an das Museo del Cine Pablo Ducrós Hicken in Buenos Aires und Andrés Levinson.
Mit herzlichem Dank an Jurij Meden und Christoph Huber (Österreichisches Filmmuseum, Wien).
FILMPROGRAMM ÜBERSICHT
- MomentosFilmDo., 19. November 2026 – 20:15 UhrKino des DFF
- Señora de nadieFilmFr., 20. November 2026 – 18:00 UhrKino des DFF
- Miss MaryFilmSa., 21. November 2026 – 18:00 UhrKino des DFF
- CamilaFilmSa., 21. November 2026 – 20:30 UhrKino des DFF
- Yo, la peor de todasFilmSo., 22. November 2026 – 17:30 UhrKino des DFF
- De eso no se hablaFilmSo., 22. November 2026 – 20:15 UhrKino des DFF
Eine gemeinsame Veranstaltung mit:

In Kooperation mit:


Gefördert von:


Filme der Reihe
- MomentosFilmDo., 19. November 2026 – 20:15 UhrKino des DFF
- Señora de nadie
FilmFr., 20. November 2026 – 18:00 UhrKino des DFF - Miss MaryFilmSa., 21. November 2026 – 18:00 UhrKino des DFF
- CamilaFilmSa., 21. November 2026 – 20:30 UhrKino des DFF
- Yo, la peor de todas
FilmSo., 22. November 2026 – 17:30 UhrKino des DFF - De eso no se habla
FilmSo., 22. November 2026 – 20:15 UhrKino des DFF
