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Verfilmungen von klassischer deutscher Literatur in dystopisch-kühlen Schwarz-Weiß-Bildern – oder im visuell halluzinierenden Drogenrausch der frühen 1970er Jahre, mit bedrohlich wirkenden Zeitlupen- und Zeitraffer-Effekten; filmische Bildungsromane, gefilmt im Swinging-Sixties-Look oder im Geist der Post-68er-Depression; nicht linear erzählte biografische Dichterporträts mit farbenprächtig viragierten Stumm- und Experimentalfilmreferenzen, queerer Camp-Ästhetik und bildgewaltigen Horrorvisionen. Die zwischen 1964 und 1975 entstandenen Kinofilme von Jonatan Briel (1942-1988), Uwe Brandner (1941-2018) und George Moorse (1936-1999) verbindet vor allem ihr visueller und narrativer Einfallsreichtum. Die künstlerischen Wege der drei Filmemacher überschnitten sich beim Literarischen Colloquium Berlin (LCB), dessen Filmabteilung die ersten Arbeiten von Moorse und Brandner produzierte, sowie den letzten Kinofilm von Briel. Nutzen konnten alle drei die auktoriale Freiheit, die das LCB mit seiner Filmabteilung gewähren wollte, eine Freiheit, wie sie auch ein Schriftsteller vor dem weißen Blatt Papier hat – und die, in einem kostspieligen Medium wie dem Kinofilm, nur für einen sehr kurzen utopischen Moment funktionieren konnte. 

Der Schriftsteller Uwe Brandner gewann 1967 den Drehbuchwettbewerb des LCB mit seiner dystopisch-experimentellen Geschichte Blinker. Der amerikanische Beat-Poet George Moorse, der zuvor mit dem Kurzfilm In-Side-Out  (1964) ein wild-buntes Pop-Gedicht abgeliefert hatte, verlegte Kleists Novelle Der Findling 1967 in eine nicht minder kalt-dystopische Welt als die von Blinker. Jonatan Briel wiederum schuf mit Wie zwei fröhliche Luftschiffer einen Bilderreigen über die letzten Stunden Heinrich von Kleists vor seinem Selbstmord, zugrunde gegangen an der „Miserabilität Deutschlands“ (Georg Lukács) und der Unmöglichkeit, die eigene Homosexualität ausleben zu können.

Briel und Moorse stellten 1971 ihre je eigene Version von Büchners Lenz her: Moorse in zeitgeistig-visionären Kinofarbbildern für den mentalen Zustand der Hauptfigur, Briel als fürs Fernsehen entstandenes selbstreflexives Schwarz-Weiß-Porträt der in Depressionen verfallenen Post-68er-Generation.

Die raue Nordseeküste Dithmarschens wiederum ist die Heimat des Dichters Friedrich Hebbel, in die er sich in Wien auf dem Sterbebett zurückhalluziniert, visuell kongenial umgesetzt in Jonatan Briels Film Glutmensch (1975), der in komplexen Erzählstrukturen Leben und Werk des Schriftstellers miteinander verwebt. Heimat(-film) ist auch ein überkommenes Filmgenre der Nachkriegszeit, das Uwe Brandner mit Ich liebe dich, ich töte dich (1970) in die kinematographische Gegenwart überführt; ein Film über das Jagen und Gejagt-werden, erzählt in langen Einstellungen und klaren, mitunter beängstigenden Bildern.

Neben den literarischen Bezügen gemein ist den Filmen ein unter- bis vordergründiger Gewaltbezug, die Stimmung in der „Frontstadt“ West-Berlin nach dem Mauerbau ebenso aufgreifend wie die revolutionäre der 68er-Zeit, sowie die darauf folgenden Depression der bleiernen 1970er Jahre. Ab Mitte des Jahrzehnts fanden sich kaum noch Finanzierungsmöglichkeiten für die unkonventionellen Erzählweisen und Bilderwelten von Jonatan Briel, Uwe Brandner und George Moorse. Letztere hatten sich zudem hoch verschuldet und drehten deshalb nun vor allem Folgen für die Lindenstraße (Moorse), Die Fallers  (Brandner) und ähnliche Fernsehprodukte. Ihre Kinofilme waren seitdem kaum mehr zu sehen. Dies will diese Reihe ändern!

Kuratiert von Frederik Lang (Filmwissenschaftler und Kurator, Berlin)

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